Weinlektüre auf Teneriffa:Fakten, Fabeln und Fiktion | | © tenpan |  | | Titelseite "vinaletras" | 17.11.2009 - Teneriffa - Bei Weinfreunden ist Teneriffa nicht nur für Sand und Sonne, sondern auch für seinen hervorragenden Rebensaft bekannt. Das grösste Anbaugebiet der Insel, die “denominacón Tacoronte-Acentejo”, zelebriert im November zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen des “mes del vino”. Das begleitende Buch, “vinaletras”, widmet sich der Literatur und den Legenden rund um den göttlichen Trank. Fakten, Ratgeber und ein umfangreicher Adressenteil runden das gelungene Werk ab.
 | | | © tfp |  | | Plakat "Weinlese 2009" |
Der Wein ist auf Teneriffa stets präsent. Wenn auch erst auf den zweiten Blick. In der Regel schafft er es nur Ende November auf die Titelseiten der lokalen Presse. Dann rutscht die Jugend in Icod de los Vinos anlässlich des Feiertages San Andrés auf Holzbrettern steile Strassen hinab. Es ist ein Brauch, der auf die Weinfassbauer der Stadt, die den Rebensaft im Namen trägt, zurückgeht. Zeitgleich findet am Hafen in Puerto de la Cruz ein mehrtägiges Fest statt, bei dem der Duft von gerösteten Kastanien durch die Luft wabert, die zum Wein kredenzt werden. Teneriffa: Eine Handvoll Weinbaugebiete Das Winzerwesen auf den Kanaren hat eine lange Tradition. Die Herkunft, die “denominación de origen”, jedes Weines ist auf dem Flachenetikett vermerkt. Allein auf Teneriffa gibt es fünf derartig gekennzeichnete Anbaugebiete, fünf weitere auf anderen Inseln. Der Grund für die Vielzahl der Anbaugebiete auf Teneriffa sind die sehr unterschiedlichen Böden und stark von einander abweichenden klimatischen Bedingungen der einzelen Inselregionen; Faktoren, die grossen Einfluss auf das Produkt haben. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass laut über die Einführung einer einheitlichen Gesanmt-Denominación Tenerife nachgedacht wird, durch die ein einheitlicher Marktauftritt auf internationalem Parkett gewährleistet werden soll.
 | | | © tenpan |  | | Weinkeller in "Tacoronte-Acentejo" |
Aber das ist bestenfalls Zukunftsmusik. Bei der lokalen und touristischen Vermarktung des Rebentrankes wird verstärkt auf sogenannte “Weinstrassen” gesetzt, die Weinfreunde auf die Güter der Winzer locken sollen. Im Bereich “Tacoronte-Acentejo” sind Abzweigungen von den Land- und Hauptverkehrsstrassen zu den Wein-Routen sogar mit rötlichen Verkehrsschildern gekennzeichnet; etwa im Gebiet der Gemeinde Tegueste. Weinseliger Inselnorden Natürlich wird im Buch “vinaletras” Teneriffas, grösstes Weinbaugebiet in all seinen Facetten vorgestellt. In der regengesegneten Region wachsen vornehmlich Reben für die verschiedenen “Malvasía”- und “Listán”- Weine in Höhenlagen zwischen 500 und 1.500 Metern. Trockene Zahlen und Fakten dokumentieren die Marketing-Massnahmen im Rahmen des Wein-Tourismus, gefolgt von einem Porträt des neuen Treffpunkts für Teneriffas Weinfreunde, einem historischen Haus im kanarischen Stil gegenüber der traditionsreichen Kirche “La Concepción” im Herzen der Altstadt von La Laguna, das von der Bodega “Viña Norte” erworben und restauriert wurde. Widerstreit von Wein und Wort Der Schwerpunkt des Buches liegt aber auf Anektdoten und Legenden rund um den Bacchus-Trunk. Es ist nicht gerade einfach das Phänomen “Wein” in Worte zu fassen.
 | | | © tpew |  | | Tegueste: Erntehelfer auf dem Weg zum Fest des Weinguts |
Klar, es gibt Weine, die schmecken und andere, die weniger munden. Das ist eine Sache des persönlichen Geschmacks. Es gibt allerdings auch “gute” und “schlechte” Weine. Diese Urteile werden von Fachleuten gefällt und haben wirtschaftliche Auswirkungen für Hersteller und Handel. Da die Weinexperten sich unter einander, aber auch mit ihren enologischen Umfeld verständigen müssen, greifen sie auf eine metaphernreiche Sprache zurück, um Fakten zu vermitteln, die wissenschaftlich-technisch zu weiten Teilen nicht nachprüfbar sind. So werden einwandfreie Produkt als “redondo” – “rund” – bezeichnet. Auch die Vokabeln “largo” – “lang” und “profundo” – “tief” werden im enologischen Sprachgebrauch verwendet; fernab ihres ursprünglichen Bedeutungszusammenhangs. Sogar menschliche Eigenschaften werden den Rebensäften zugeschrieben. Das ist nicht immer als Lob zu verstehen. “Ein “vino tímido” ist ein eher fades Gesöff, die Eigenschaft “intellektuell” wird auf Weine mit nüchternem, keine Emotion hervorrufenden Charakter verwendet. Auf sprachlich-klanglichen Analogien beruht die - zumindest im Spanischen - die enge Bindung zum Comic. Die gezeichneten Bilderstreifen werden oft als “viñeta” bezeichnet; ein Begriff der sich vom französischstämmigen “vignette” ableitet. Wein wird im romanischen Sprachgebrauch bekanntlich “vin(o)” genannt. Dann gibt es natürlich “Asterix”, den Gallier, der in zahlreichen Ausgaben römische Festessen aufmischt oder abräumt, bei denen natürlich auch Wein nicht fehlen darf. In der deutschen Ausgabe werden sogar Legionäre, die zu tief ins Glas geschaut haben als “trunkene Amphoren” bezeichnet. Fröhliche Zecher auf Bühnenbrettern Auch das Theater wäre ohne den Rebensaft um zahlreiche Charaktere ärmer. Shakespeare´s Anregung zu “Falstaff”, dem stes rotwangigen, fröhlichen Zecher soll gar Teneriffas ¨Malvasía”-Weinen entsprungen sein.
 | | | © tenpan |  | | Der Wein als Cartoon-Motiv |
Bis ins 19. Jahrhundert verschifften auf der Insel ansässige englische Handelshäuser Wein aus Teneriffa in grossen Mengen auf die britische Insel. Durch den Weinexport stiegen Garachico und Puerto de la Cruz zu Teneriffas führenden Häfen auf, während Santa Cruz (noch) als Garnisonsstandort am Fusse der damaligen Inselhauptstadt La Laguna vor sich hin dümpelte. Doch Vulkanausbrüche, ungünstige politische Konstellationen, etwa die Bündnisverpflichtungen während napoleonischen Kriege, und das Aufkommen von mächtigen wirtschaftlichen Konkurrenten in Portugal und auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans setzten Teneriffas Weinexporten schliesslich ein Ende. Gott und Geist im Wein vereint Natürlich unterschlägt “vinaletras” auch nicht die anregende Wirkung des Weins, auf dem sein Ruf als “geistiges” Getränk beruht. “Geistig” ist dabei nicht nur im übertragenden Sinne gemeint. Jesus Christus leerte im Rahmen seines wundersamen Wirkens so manchen Becher mit Bauern und Fischern. Im Johannes-Evangelium sagt er sogar: “Ich bin die Weinrebe und mein Vater der Winzer.” Kein Wunder, dass der Wein auch beim letzten Abendmahl auf dem Speiseplan stand. Anbau, Erwerb und Verwendung des Winzerproduktes waren seit der Eroberung der Kanarischen Inseln durch die Spanier immer wieder ein Thema für den hiesigen Klerus. Basierend auf dem Credo einer stark hierachisierten Gesellschaft, dass der Adel geniesst, während das gemeine Volk säuft, waren auch, was den Weinkonsum angeht, nicht alle Menschen vor den Dienern des Herren gleich. So wurde bei der Zelebration der Eucharistie in der Regel grässlich schmeckender Messwein ausgeschenkt, während die edelsten Tropfen für besondere Gäste aufbewahrt und bei Banketten eingeschenkt wurden. Das ist nur auf den ersten Blick befremdlich, denn ein Blick auf die Geschichte der Menschheit zeigt: Erst wurde gesoffen und dann gebetet. Die ältesten Verweise auf den Wein gab es bereits vor mehr als rund 6.500 Jahren, also lange vor der Bibel. Es soll nicht verschwiegen werden, dass der Planet mit mehr als 500 Arten der Gattung “vitis vinifera” gesegnet ist. Allerdings eignen sich nur gut vier Dutzend davon zur Weinherstellung. Auch die römische Redenart “in vino veritas” sollte nicht allzu wörtlich genommen werden. Das hat weniger mit einem eventuell drohenden Kater am folgenden Tag zu tun, als vielmehr damit, dass es seine allgemein gültige Wahrheit nicht gibt, oder sie zumindest nur schwer vermittelbar und dem Wandel der Zeit unterworfen ist. Kein Wunder, dass die Menschen gerne auf alte Bräuche als Orientierungshilfe zurückgreifen. Dazu zählen auch die auf den Kanaren im Sommer allgegenwärtigen, “romería” genannten Ernstedankfest-Umzüge. Auf Teneriffa werden sie am letzten April-Wochenende mit dem “San Marco”-Umzug in Tegueste eingeleitet und klingen mit der Romería zu Ehren der Virgen del Socorro in Güimar im Oktober aus.
Natürlich spielt der Wein hier eine wichtige Rolle.
Mehr Informationen zum Weinbaugebiet Tacoronte-Acentejo: www.tacovin.com
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