Lucha CanariaKampfsport mit Tradition | | © tfpelmarw |  | | Kämpfer in Aktion | 13.05.2006 - Teneriffa - Die Männer in der Mitte des Sandkreises haben die Hände fest in den Hosenbund und den Ärmel ihres Gegenüber gekrallt. Sie belauern sich. Sobald der Schiedsrichter per Trillerpfeife die Runde einläutet, versuchen die Kämpfer den Gegner nach allen Regeln der Kunst aufs Kreuz zu legen.
 | | | © tfpelmarw |  | | Einst wurde auf Wiesen trainiert | Sie versuchen Hebewürfe aus dem Ringsport und dem Judo verwandte Fusstechniken anzusetzen. Der Schiedsrichter achtet mit Argusaugen darüber, dass alles mit fairen Mitteln geschieht, während die Zuschauer mit scharfem Blick das Geschehen im Sand verfolgen. Vor sechzig Jahren war die Lucha Canaria ein Massenspektakel, das in der Stierkampfarena stattfand. Die Lucha Canaria entwickelte sich aus der Lebensweise der Guanchen, der kanarischen Ureinwohner. Entgegen der nachträglichen Idealisierung waren sie kein friedliches Volk. Die Guanchen lebten in verschiedenen Klans zusammen, an deren Spitze ein Häuptling stand. Auf Teneriffa wurde er Mencey genannt. Viehzucht war überall die wirtschaftliche Grundlage. Daneben wurde etwas Ackerbau betrieben. Unter den Klans kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen um Vieh und Weideland. Da es kein Rechtssystem gab, wurden Konflikte durch das Faustrecht gelöst. Dabei waren List, Tücke, strategisches Denken und körperliche Stärke wichtig. Es kam oft vor, dass ein Konflikt durch ein Duell zwischen den stärksten Männern rivalisiernder Klans entschieden wurde. Die Guanchen trainierten für den Kriegsfall Gewicht-heben, Stockfechten und Steinwurf. Auf La Gomera wurden sogar die Kinder militärisch ausgebildet. In Friedenszeiten waren Turniere und Schaukämpfe zwischen den besten Kämpfern ein fester Bestandteil der Feste. Die Kämpfer waren nur mit einem Lendenschurz bekleidet und ölten sich vor Kampfbeginn ein. Im Lauf der Zeit bilden sich Kampftechniken heraus, deren Ziel es war, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nach der Eroberung durch die spanischen Konquistadoren verschwanden viele Bräuche und Sitten aus dem Leben auf den Kanarischen Inseln. Nur die Dinge mit denen sich die Ureinwohner besonders stark identifiziert hatten, überlebten den kulturellen Bruch. Dazu gehören auch die Kampftechniken aus denen die heutige Lucha Canaria hervorging. Die Kämpfe etablierten sich als feste Rituale bei Festen und unterstrichen die Rivalität benachbarter Dörfer. Das Aufkommen des Kapitalismus wirkte sich auch auf die Lucha Canaria aus. Durch die Dominanz der englischen Handelshäuser im Bananenhandel, entstand nicht nur ein Proletariat, dass in die Städte strömte, der kapitalistisch geprägte Wettbewerbsgeist der Briten spiegelte sich gleichzeitig in der Ausbreitung des organisierten Sportes wieder. Die armen Tagelöhner ihrerseits wiederum, wandten sich zum Erhalt ihres Selbstwertgefühls verstärkt der Kultur ihrer Vorfahren und somit der Lucha Canaria zu. Auch der aufkommende Militarismus Anfang des 20. Jahrhunderts und die Bekämpfung des Alkoholismus unter der Arbeiterschaft wirkte sich förderlich auf die Sportförderung und somit die Lucha Canaria aus. Ein regelrechtes Turnierwesen ent-stand, bei dem nicht nur Fincas in Tacoronte oder Tegueste sondern auch die ausverkaufte Stierkampfarena in der Inselhauptstadt Santa Cruz als Kulisse dienten. Die besten Kämpfer wurden zu Volkshelden, die häufig “Pollo” (Hahn, Jüngling ) genannt wurden und konnten ihren Traum vom sozialen Aufstieg verwirklichen. Ein Grundschullehrer verdiente damals 500 Peseten jährlich, ein guter Kämpfer konnte an wenigen Wochenenden das Doppelte oder Dreifache kassieren. Auch die sich ausbreitende Begeisterung für den Fussball ab 1914 schmälerte die Attraktivität der Lucha Canaria in der Folge nicht. Im Gegenteil: Die durch spanischen Bürgerkrieg und den anschließenden 2. Weltkrieg verursachte Armut führte dazu, dass die Canarios verstärkt Ablenkung bei der Lucha Canaria suchten. Die Gründung des Verbandes “Federación Canaria de Lucha” führte dazu, dass in der Folge ein komplexes Regelwerk entstand, dass bis heute die Gewichtsklassen, Kampftechniken, Ausstattung des Ortes und Kleidung regelt. Trotzdem hörte der traditionelle kanarische Kampfsport Anfang der fünziger Jahre auf, ein Massenphänomen zu sein, da das Publikum sich anderen Sportarten zuwandte. Doch da die Lucha Canaria noch immer zahlreiche Anhänger hatte, kam es oft vor, dass im Vorprogramm von internationalen Boxturnieren umjubelte Lucha Canaria-Wettbewerbe ausgetragen wurden. Auch die kanarischen Kolonien in Südamerika trugen zum Erhalt der Sportart bei, da die Kämpfer als Bestandteil der eigenen Kultur immer feierlich empfangen wurden. Auf das heutige Sportgeschehen bezogen ist die Lucha Canaria nur eine Randsportart, die selbst in den kanarischen Medien nicht an vorderer Stelle statt-findet, obwohl viele Jugendliche diesen Sport noch ausüben. Die Lucha Canaria wird zwar von Männern dominiert, doch im Gegensatz zu verschiedenen anderen Kampfsportarten gibt es hier auch Wettbewerbe für Frauen. Die Lucha Canaria ist sowohl ein Einzel- als auch ein Mannschaftssport. Bei den Einzelwettbewerben treten die Kämpfer in verschiedenen Gewichtsklassen und Kampfkategorien gegeneinander an. Bei den Mannschaftswettbewerben ist es möglich, dass ein Kämpfer gegen mehrere Gegner antreten muss. Je nach Wettbewerb besteht ein Team aus sechs bis 18 Mitgliedern. Ein Lucha Canaria-Akteur kämpft barfuss und ist mit einem kurzärmligen Hemd einer kurzen Hose bekleidet. Ort des Kampfes ist das “Terrero” ein Sandplatz in einem Kreis mit 15 bis 16 Metern Durchmesser. Der Kampf verläuft nach einem festen Ablauf und beginnt mit der Begrüssung. Ziel ist es, den Gegner zu Fall zu bringen. Dazu gibt es verschiedene, dem Ringen, teilweise aber auch dem Judo ähnliche Wurftechniken, bei denen der Gegner gehoben, über die Hüfte geworfen oder per Fusshaken aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Der Kampf ist entschieden, wenn der Gegner mit einem anderen Körperteil als den Füssen den Boden berührt.
 | | | © tfpelmarw |  | | Schon 1906 gab es Wettkämpfe |
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