Sport mit TraditionDer Stock als Waffe | | © tfpelmarw |  | | 13.05.2006 - Teneriffa - „Juego de Palo” ist die Bezeichnung für das traditionelle Stockfechten auf den kanarischen Inseln. Seine Geschichte geht bis in die Zeit vor der Eroberung der sieben Inseln durch die Spanier zurück.
 | | | © tfpelmarw |  | | Bereits in vergangenen Jahrhunderten übte man sich im Stockkampf | Es gibt Bilder aus dem Jahre 1594, auf dem die Ureinwohner von El Hierro und La Gomera als Stockkämpfer dargestellt sind. Stockkämpfer gibt es allerdings nicht nur auf den Kanaren, auch auf den Philippinen, in verschiedenen afrikanischen Ländern und in der Südsee gibt es Kampftechniken mit Stöcken und Stäben. Im Portugiesischen ist das „Juego de Palo“ als „Jogo de Pao“ bekannt, im Französischen als „Jeu de la canne“. Das Wort „Palo“ bedeutet „Stab“ oder „Stock“, das Wort „Juego“ hat die Bedeutung „Spiel“, kann aber auch für eine Anzahl verschiedener zusammengehörender Gegenstände stehen, beispielsweise einen Satz Gitarrensaiten oder eine Garnitur Bettwäsche. Der Begriff „Juego de Palo“ beschreibt folglich nicht nur den Charakter des Sports, sondern steht auch für die Vielfalt der verschiedenen Kampftechniken. Für die kanarischen Ureinwohner war das „Juego de Palo“ nicht nur eine Kampftechnik, sondern auch ein Ritual, das bei Festen und Feierlichkeiten in öffentlichen Vorführungen zusammen mit Schaukämpfen der „Lucha-Canaria“, der kanarischen Abart des Ringens, dargeboten wurde. Kampftechnik der Ureinwohner Ab dem 17. Jahrhundert übten sich auch spanische und französische Soldaten in der Kampftechnik der, auf Teneriffa „Guanchen“ genannten, Ureinwohner und vermischten die Urform des Stockkampfes mit traditionellen Fechttechniken. Gleichzeitig benutzten die Bauern und Viehhirten den Stock zur Verteidigung ihrer Herden. Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich in verschiedenen Orten auf den kanarischen Inseln sogenannte „Juego de Palo“-„Schulen“, die alle ihre eigenen Techniken für den Einsatz des Stockes entwickelten. Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstand eine „Juego de Palo“-Schule an der Universität La Laguna, die sich „Colectivo Universitario de Palo Canario“ nannte. In der Folge gründeten die Mitglieder der verschiedenen Vereine einen Verband und legte in Statuten die Philosophie des „Juego de Palo“ fest. Dabei wurde auf Teneriffa der Idee, das „Juego de Palo“ als Kampfsport à la Martial Arts als Leistungssport zu betreiben, eine Absage erteilt. Stattdessen orientierte man sich an der Tradition. Danach zeichnet sich ein „Juego de Palo“-Sportler durch Selbstdisziplin und das Streben, immer perfekter zu werden und nicht durch Siegeswillen aus. Er betrachtet seinen Sport als Choreografie verschiedener Kampfszenen vergleichbar einem Theaterstück. Es kommt ihm auf die Kommunikation mit dem Gegner an, da die Verletzungsgefahr bei Unachtsamkeit hoch ist. Schmuckstück Stock
 | | | © tfpelmarw |  | | Einst kämpften die Besten sogar in Stadien |
Besondere Aufmerksamkeit widmet er der Auswahl und der Herstellung seines Stockes. Der Stock soll der Überlieferung nach im Herbst bei abnehmendem Mond während des Sonnenunterganges bei einsetzender Ebbe geschnitten werden, möglichst gerade sein und möglichst keine knorrigen Verdickungen haben. Er soll sich durch Härte, Elastizität und Zähigkeit auszeichnen. Auch die Farbe und die Faserung sind nicht unwichtig, galt der Stock doch einst als Bestandteil der Kleidung des Mannes. Unter anderem wird für den Stock das Holz des Ölbaums oder des Mandelbaums empfohlen. Beim Juego de Palo stehen sich zwei Kämpfer gegenüber, die versuchen Treffer an bestimmten Stellen am Körper des Gegenübers zu landen, was der wiederum mit seinem Stock zu verhindern sucht. Es gibt verschiedene Angriffs und Abwehrtechniken. Die Stile der einzelnen „Juego de Palo“-Schulen unterscheiden sich durch die Länge des verwendeten Stocks. Es gibt den „Palo Grande“ der länger ist als der Kämpfer, den mittleren Stock „Palo Medio“, der je nach der Größe des Kämpfers zwischen 115 und 160 Zentimeter misst und den „Palo Chico“, der in der Regel einen Meter nicht überschreitet. Der Querschnitt des Stabes ist höchstens zwei Daumen breit, also nicht dicker als vier Zentimeter. Für die einzelnen Stockarten gibt es auf den Kanaren eine Vielzahl unterschiedlicher Bezeichnungen. Variantenreiche Stocktechnik Die unterschiedlichen Kampftechniken unterscheiden sich durch die Stellung und den Abstand der Kämpfer zueinander, aber auch durch die Position der Füsse und der Haltung des Stocks. Es gibt unterschiedliche Positionen der Hände am Stock. Bei einigen Techniken wird der Stock an den Enden angefasst, bei anderen in der Mitte. Teilweise wird der Stock mit überkreuzten Händen geführt. Manchmal auch nur mit einer Hand. Die Position der Hände hängt auch von der Art des Stockes ab. Es gibt unterschiedliche Arten des Angriffs und der Abwehr. In der Defensive kann eine Attacke beispielsweise abgeblockt werden, es ist aber auch möglich durch den Einsatz des eigenen Stockes den Druck aus dem Angriff zu nehmen, indem man den Schlag des Gegners ablenkt. Auf Teneriffa sowie auf El Hierro, La Palma und Lanzarote basieren die Stile der meisten Schulen auf dem Einsatz des „Palo Medio“ während auf Fuerteventura und Gran Canaria der „Palo Grande“ das dominierende Sportgerät ist. Eine Schule des Palo Chico befindet sich auf Teneriffa.
Auf Teneriffa sind die einzelnen Schulen vor allem im Gebiet von Santa Cruz und La Laguna zwischen San Andrès und La Esperanza ansässig. In Las Canteras zwischen La Laguna und Tegueste gibt es sogar ein „Terreo“ genanntes Sportgelände für die Anhänger des „Juego de Palo“. Aber auch in Terreros der Lucha Canaria wird das „Juego de Palo“ betrieben. In den vierziger und fünfziger Jahren gab es sogar eine „Juego de Palo“-Arena im La Granja Park in Santa Cruz.
Eine wichtige Rolle im „Juego de Palo“ spielt der „buen hombre“, der „gute Mann“, der eine Art Schiedsrichter darstellt. Er hat seinen Urspung im 19. Jahrhundert, als Stockkampf-Vorführungen vor großem Publikum stattfanden, beispielsweise bei Festen in Stierkampfarenen und agierte dort als Mittler zwischen den Akteuren. Bei Darbietungen vor Publikum tragen die Kämpfer in der Regel eine bestimmte Kleidung, die an die traditionellen Trachten der Romerìas und „Baile de Mago“ nachempfunden ist. Sie besteht aus einem weissen hellen Hemd und einer schwarzen Hose.
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